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Apr 01 2012

Ein Drittel glaubt an die Auferstehung von Jesus

Eine repräsentative Umfrage hat gezeigt: Fast ein Drittel der Schweizer Bevölkerung glaubt an die körperliche Auferstehung von Jesus – die körperlich reale Auferstehung! Die Umfrage bestätigt damit eine Umfrage vor fünf Jahren. Die leichte Abnahme der “Glaubenden” (etwa -2 Prozentpunkte) fällt jedenfalls statistisch kaum ins Gewicht.
Ich möchte hier vor allem die Konsequenzen sehen:
1/3 der Menschen in der Schweiz haben eine persönliche Hoffnung und eine auf die Person von Jesus Christus begründete Hoffnung – sie gehören zur GmbH (Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung)
Am Auferstehungsglauben wird hartnäckig festgehalten, auch bei “aufgeklärten” Menschen. Die Aufklärung hat also Gott sei Dank nicht zu einem rationalistischen Unglauben geführt.
1/3 der Menschen in der Schweiz können die Hoffnung durch ihr Leben weitergeben, weil sie ein Stück von ihnen ist. Denn wenn Jesus auferstanden ist, ändert sich auch die Einstellung zum Tod und zum Leben.
1/3 der Bewohnerinnen und Bewohner in der Schweiz werden sich der Bedeutung von Karfreitag und Ostern erinnern. Ostern ist für sie nicht nur ein Fest der farbigen Eier und Osterhasen.
1/3 der Menschen haben etwas, dass sie besonders auszeichnet und auf das sie stolz sein können. Der Auferstehungsglaube ist ein Potenzial, mit dem sich viel in der Gesellschaft verändern wird. Und dabei geht es um ganz sichtbare Veränderungen. So wie der Apostel Paulus dies begründet: Glaube, Hoffnung, Liebe, – die Liebe ist die grösste unter ihnen.
Weiteres zur Umfrage und viele weitere Ostertexte in der “Viertelstunde für den Glauben” (pdf, ca 6,5 Mb, Download kann ein paar Sekunden dauern)

Jan 30 2012

Animanca: Eine Migros-Aktion in Kritik

Ist die grosse Amulett-Stein-Aktion der Migros Esoterik oder ein harmloser Marketing-Trick?
Die Amulett-Aktion der Migros hat die Gemüter von vielen Christen angeheizt. Befürchten sie zu Recht einen gefährlichen esoterischen Einfluss oder laufen sie Sturm gegen einen Goldfisch im Wasserglas? Nachdem ich die Aktion sowie die Reaktionen darauf ein wenig angeschaut habe, gebe ich gerne meine ganz persönliche Auffassung dazu weiter:
Ganz ohne Esoterik läuft natürlich die Migros-Aktion nicht, auch wenn sie das unschuldig behauptet. Allerdings scheint mir weniger eine Absicht zu esoterischer Verführung dahinter zu stehen als ganz einfach die Zuhilfenahme von ein bisschen Magie-Vokabular. Das findet sich heute in viel ausgeprägterem Masse in Kinder-Trickfilmen, Internet-Games, Comics, etc. Das allein entschuldigt die Migros nicht. Ich habe insofern Verständnis für Menschen, die sich schwertun mit dieser Aktion. Allerdings würde ich trotzdem nicht empfehlen, jetzt mit harten Worten und Verunglimpfungen der Migros Esoterik vorzuwerfen. Die Sache hat nämlich noch andere Seiten:
1. Das Ganze scheint wirklich eher in spielerischem Sinne verstanden. In diesem Sinne wird es auch kaum einem Kind schaden und wahrscheinlich auch kaum Kinder zu Esoterik verführen.
2. Man kann solche Steinchen auch als Anlass nehmen, um mit den Kindern über Aberglauben und Esoterik, und noch besser über den christlichen Glauben (im Unterschied zu esoterischem Denken) zu sprechen. Das wird nicht immer möglich sein, aber wo es gelingt, hat ja die Aktion auch etwas genützt.
3. Eine massive Reaktion der Freikirchen wird diese aufgrund eines sekundären Themas wieder einmal in eine Ecke drücken, die sie nicht verdient haben: “extrem konservativ, weltfremd, fundamentalistisch”. Die Argumente lassen sich in vielen Kommentaren bei 20min.ch nachlesen. Ich würde eher versuchen, die zentrale Botschaft des Evangeliums der Öffentlichkeit verständlich darzustellen, positive Anknüpfungspunkte zu finden und die Kritik dort anwenden, wo zentrale Glaubensinhalte betroffen sind. Der Feldzug gegen ein paar etwas esoterisch angehauchter Steine gehört meines Erachtens nicht zu einem notwendigen und glücklichen Waffengang.

Aber bitte – das ist meine persönliche Ansicht und ich höre gerne weitere Argumente dazu. Danke für weiterführende Kommentare und Gedanken dazu.

Dez 03 2011

Türkei – Religionsfreiheit in einer neuen Verfassung

Türkei: Die Erstellung eines Entwurfs einer neuen Verfassung und deren Auswirkungen auf die Religions- bzw. Glaubensfreiheit (Gastbeitrag)

Von Mine Yildirim, Ǻbo Akademi University
(gekürzte deutsche Fassung)

Die Erstellung eines Entwurfs einer neuen Verfassung der Türkei hat Erwartungen hervorgerufen, dass dieser Prozess zu Fortschritten beim Schutz der Religions- bzw. Glaubensfreiheit führen würde. Viele Fragen bleiben offen und die möglichen Antworten, die während der Entwurfsphase gegeben werden, müssen genau verfolgt werden. Es gibt eine Vielzahl von strittigen Fragen, die eine Auswirkung auf den rechtlichen Rahmen für den Schutz der Religionsfreiheit haben.

Zu den wichtigsten offenen Fragen gehören folgende:
Wird das dem Premierminister unterstehende Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) weiterhin eine verfassungsmäßige Körperschaft bleiben?
Wird die durch Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention garantierte Freiheit der Bürger, ihre Religion oder Weltanschauung durch Gottesdienst, Unterricht und Beachtung religiöser Gebräuche öffentlich oder privat auszuüben ausdrücklich geschützt?
Wird „laiklik“, oft vielleicht irreführend mit Säkularismus übersetzt, in der neuen Verfassung beibehalten?
Wird Artikel 174 („Bewahrung der Reformgesetze“) der heutigen Verfassung von 1982 gestrichen oder neu interpretiert?

Es ist von existentieller Bedeutung, dass die neue Verfassung umfassende Garantien der Religions- bzw. Glaubensfreiheit für alle, auch für Agnostiker und Atheisten, enthält, wie dies den internationalen Menschenrechtsverpflichtungen der Türkei entspricht. In dieser Hinsicht ist eine Reform, nicht nur der Verfassung, sondern auch bestimmter Gesetze, erforderlich. Denn eine Verfassung allein, ohne gute Gesetze und Verordnungen und ohne angemessenes Handeln des Staates kann nur eine begrenzte Auswirkung im Sinne praktischer Veränderungen im täglichen Leben der Angehörigen von Minderheitsreligions- bzw. Gesinnungsgemeinschaften entfalten.

Der Prozess

Der verfassungsmäßigen Versöhnungskommission (türkische Abkürzung „AUK“) unter dem Vorsitz des Sprechers der Großen Nationalversammlung (d. h. des Parlaments), Cemil Cicek, wurde die Aufgabe der Erstellung eines Verfassungsentwurfs übertragen. Die Mitglieder der AUK kommen aus der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) und der größten Oppositionspartei der Republikanischen Volkspartei (CHP), weitere Mitglieder aus der oppositionellen Partei der Nationalen Bewegung (MHP) und der Partei für Frieden und Demokratie (BDP). Dass Entscheidungen der mit der Erstellung des Verfassungsentwurfs betrauten AUK einstimmig getroffen werden müssen, ist von größter Bedeutung und nährt die Hoffnung, dass die neue Verfassung breite Zustimmung finden wird. Themen, bei denen keine einstimmige Entscheidung erzielt werden kann, werden zu einem späteren, nach Ansicht der AUK geeigneten Zeitpunkt erneut behandelt.

Die AUK scheint sehr darauf bedacht, diesen Prozess offen für Beiträge von allen Sektoren der Gesellschaft, einschließlich politischer Parteien, verfassungsmäßiger Organisationen, Berufsorganisationen, Gewerkschaften, NGOs, Stiftungen und Religionsgemeinschaften, zu gestalten. Die Arbeit der AUK wird in drei Phasen erfolgen. Die erste Phase besteht in der Beteiligung der Öffentlichkeit einschließlich der Entgegennahme von Beiträgen, Erfassung und Beurteilung von Daten. Diese Phase soll bis Ende April 2012 abgeschlossen sein.
Danach werden die Prinzipien und ein Textentwurf der Verfassung festgelegt, gefolgt von der dritten Phase der öffentlichen Debatte über diese plus Veränderungen nach der öffentlichen Diskussion. Die AUK hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Arbeit bis Ende 2012 zu beenden und diese der Generalversammlung des türkischen Parlaments, der Großen Nationalversammlung, zur Debatte vorzulegen.

Obwohl es höchst unwahrscheinlich ist, dass die neue Verfassung alle Probleme der Türkei im Hinblick auf die Respektierung der Gedanken-, Gewissens- und Glaubensfreiheit lösen wird, kann der Prozess selbst äußerst hilfreich sein, um Fortschritte auf dem Weg dorthin zu erzielen.

Erstens kann der Prozess dazu beitragen, eine Mentalitätsänderung in der Auffassung von der türkischen Identität herbeizuführen. Die derzeitige Haltung der Nationalisten – einer einflussreichen Kraft in Staat und Gesellschaft, sieht „Bedrohungen“ durch „andere“, die nicht in das nationalistische Klischee der türkischen Identität passen, auch durch nicht sunnitische Moslems

Zweitens kann der Prozess zu einer öffentlichen Debatte über die Bestimmungen der derzeitigen Verfassung und Gesetze führen, welche verhindern, dass die Menschen in der Türkei ein umfassendes Recht auf Religions- bzw. Glaubensfreiheit haben.

Auf dem Weg zu einer Mentalitätsänderung?

Als möglicherweise wesentlichster Beitrag des Prozesses zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung könnte sich die Förderung der öffentlichen Akzeptanz für eine pluralistische Politik des Staates und eine pluralistische Sichtweise der Beziehungen zwischen dem Staat und seinen Bürgern erweisen. Die derzeitige Verfassung verherrlicht den Staat zu Ungunsten des Respekts für den Einzelnen und privilegiert den türkischen Nationalismus. Die öffentliche Debatte über eine neue Verfassung und die Beiträge der NGOs und der Minderheiten tragen zur Entwicklung einer offenen Gesellschaft bei. Das fördert eine Mentalitätsänderung im Sinne der Anerkennung der Vielfalt in der türkischen Gesellschaft.

„Laiklik“ oder türkischer Säkularismus

„Laiklik“, der türkische Säkularismus, hat eine große Auswirkung auf den Schutz der Religions- bzw. Glaubensfreiheit. Die Bedeutung dieses Begriffs unterscheidet sich wesentlich von der des französischen Begriffs „laiceté“ und vom weit verbreiteten Verständnis von „Säkularismus“ außerhalb der Türkei. Laiklik genießt als Prinzip der Verfassung von 1982 besonderen Schutz und wird als „Trennung von Staat und Religion“ definiert. Doch in der Praxis geht es viel mehr um den Schutz des Staates vor dem Einfluss der Religion durch strenge staatliche Überwachung religiöser Aktivitäten und geringere Autonomie der Religionsgemeinschaften als in anderen Ländern. Das größte Problem im Zusammenhang mit Laiklik ist, dass das Wort nicht nur eine, sondern mehrere Bedeutungen hat und von verschiedenen politischen Parteien mit verschiedener Bedeutung verwendet wird.
Der Entwurfsprozess gibt der AKP als Regierungspartei die Chance, ihre eigene Version von Laiklik festzuschreiben. Premierminister Recep Tayyip Erdogan sagte in mehreren Reden, die er auf seiner Reise in Länder des Arabischen Frühlings hielt, dass Laiklik für ihn bedeutet, dass der Staat gleiche Distanz zu allen Religionen wahrt. Gleichzeitig bekannte er sich zu seiner eigenen religiösen Identität als Moslem. Wenn man diese Aussagen jedoch mit der Politik der AKP in Sachen Religionsfreiheit in den letzten Jahren vergleicht, ist keineswegs klar, was die wahre Meinung der AKP ist.

Bei der Festlegung der Definition von Laiklik in der neuen Verfassung wird es darum gehen, einen Ausgleich zwischen den Forderungen der Konservativen, Nationalisten und Säkularisten zu finden, da jede der genannten Gruppierungen diesen Begriff anders auslegt. Weiters werden völkerrechtlich bindende Normen, darunter auch Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu berücksichtigen sein, welche eine neutrale Rolle des Staates fordern. Konkret werden viele Fragen zu klären sein, darunter die Rolle des Diyanet, der bisher verpflichtende Religionsunterricht an den Schulen, die verpflichtende Eintragung der Religionszugehörigkeit in Personalausweisen, das öffentliche Bekenntnis zu einer Religionsgemeinschaft z.B. durch Tragen des Kopftuchs in Schulen und am Arbeitsplatz und der rechtliche Status bzw. die Rechtspersönlichkeit von Religions- und Gesinnungsgemeinschaften.
Die größte Oppositionspartei, die CHP, mit der Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der Republik, die Türkei für viele Jahre zum Einparteienstaat machte, tritt am vehementesten für Laiklik ein. Für eine relevante Gruppe von Kemalisten bedeutet Laiklik, den Einfluss der Religion – insbesondere des Islams – auf den Staat einzuschränken, indem der Staat die Ausübung der Religionsfreiheit einschränkt. Dieses Verständnis von Laiklik fördert eine Politik, die religiöse Bekundungen im öffentlichen Raum ausschließt. Und viele in der CHP wollen, dass das so bleibt.
Für die Auslegung von Laiklik in der neuen Verfassung ist auch wesentlich, ob der Artikel 174 der derzeitigen Verfassung „Bewahrung der Reformgesetze“ gestrichen oder neu interpretiert wird. Dieser Artikel verbietet, die Verfassung so auszulegen, dass dadurch konkret genannte Reformgesetze, die den sekulären („laik“) Charakter des Staates garantieren, für verfassungswidrig erklärt werden. Die Reformgesetze zielen auf den aktiven Schutz von Laiklik ab, so wie die Gründer der Republik diesen Begriff verstanden haben, und sehen u.a. die zwingende staatliche Kontrolle jedes Religionsunterrichts vor, verbieten das Tragen bestimmter mit dem Islam assoziierter Kleidungsstücke, und verfügten die Schließung der Derwischklöster und der Gebetsstätten der Aleviten, einer Gemeinschaft, die vielleicht Drittel der türkischen Bevölkerung umfasst.

Eine wesentliche Menschenrechtsfrage, die in der neuen Verfassung einer Lösung zugeführt werden muss, ist die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Diese stand jedoch lt. Premierminister Erdogan „noch nie auf unserer Tagesordnung“. In den türkischen Medien wurde berichtet, dass ein neuer Gesetzesentwurf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen als Verbrechen definiert, das mit Ableistung öffentlicher Dienstleistungen während eines Zeitraums, der etwa zwei Mal der Dauer des verpflichtenden Militärdienstes entspricht, bestraft wird. Danach würde der Militärdienst des „Verbrechers“ als abgeleistet gelten.

Was kann man von der neuen Verfassung erwarten?

Mit all den Möglichkeiten für den Schutz der Religions- und Glaubenfreiheit, die der Prozess der Erstellung einer neuen Verfassung mit sich bringt, ist man versucht, eine revolutionäre Veränderung zu erwarten. Doch die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit Wehrdienstverweigerern, ständige Probleme aufgrund von Gesetzen und Praktiken und der Mangel an politischem Willen, eine dauerhafte Lösung zu entwickeln, legen nahe, dass eher Vorsicht angebracht wäre. Vielleicht wird diese neue Verfassung kein riesiger Schritt in Richtung einer freieren Türkei, falls die offenen Fragen nicht am Kern angegangen werden. Doch sie wird hoffentlich besser als die derzeitige Verfassung.
Quelle: Forum 18, Oslo
Deutsche Fassung: Arbeitskreis Religionsfreiheit der ÖEA

Nov 30 2011

Jesus weinte

Männer haben ein Problem. Sie dürfen Gefühle nicht zeigen. Das hat uns der Soziologe Walter Hollstein im Tages-Anzeiger vom 30. November 2011 wieder deutlich vor Augen geführt. Er ist nicht der erste, der da etwas sagt, was Frauen wissen und Männer spüren. Mann ist knallhart, stets mit einer Maske der Stärke unterwegs, hat alles im Griff und darf auf keinen Fall als Versager dastehen. So einige der deutlichen Aussagen, die mich nicht kalt lassen – mindestens innerlich. Denn ich bin ja ein Mann und zeige da keine Gefühle.
Jesus weinte, heisst es in Johannes 11,35. Er stand am Grab des Lazarus. Er erweckte den schon in Verwesung liegenden toten Körper des Lazarus zu neuem Leben. Aber vorher weinte er. Die Stärke von Jesus war nicht die männliche Maske von Unbesiegbarkeit, sondern Gefühle der Schwäche. Und er schämte sich nicht, diese zu zeigen. Wer ist wohl der stärkere: James Bond, der Knallharte oder Jesus, der Mensch der weinte?
Da gibt es noch eine Gruppe Männer, an die ich ganz besonders denke. Aus dem Krieg zurückkehrende Soldaten. Die US-Armeeangehörigen scheitern nach ihrem “heldenhaften” Einsatz im Irak oder in Afghanistan kläglich und in Massen. Eine ungeheuer bewegende Story. Männer, die stark sein mussten und es jetzt nicht mehr loswerden. Wirklich zum heulen!

Aug 06 2011

Gefährlich reich

Die Schweiz muss wieder eine solidarische Gesellschaft werden
Wenn Menschen vor allem nach Reichtum streben, kann dies für die ganze Gesellschaft gefährlich werden. So sieht es jedenfalls Constantin Seibt, der am 6. August eine interessante Analyse im Tages-Anzeiger vorlegt. Die früheren politischen Argumente der Rechten seien praktisch dahingefallen, heute gehe es einzig um Reichtum und um Reichtum auf Kosten anderer, der ganzen Gesellschaft. Die Oligarchie naht …
Diese Analyse ist nicht neu, aber beunruhigend. Und am beunruhigsten: Selbst früher als stramme Rechte bekannte Politiker sind darüber beunruhigt. Und dennoch haben diese Rechte, von “Millionären geführte konservative Parteien” einen eindrücklichen Zulauf, gerade vom Mittelstand, der unter dem Strich in den letzten drei Jahrzehnten viel an die Reichen verloren hat.
Wie ist diese Entwicklung aus evangelischer Sicht zu beurteilen und zu beeinflussen? Ich versuche hier einige Thesen, besonders mit Bezug auf die Schweiz.
- Armut ist ein Skandal, der mit den besten Mitteln und den zur Verfügung stehenden Kräften bekämpft werden muss. Das ist eine Aufgabe, die Ausdauer und Kreativität erfordert. Alle (die Reichen, die Mittelständischen und auch die Ärmeren) müssen dazu ihren Beitrag leisten.
- Verschuldung darf kein Dauerzustand werden, weder die öffentliche noch die private Verschuldung. Wenn es vorübergehend einmal nötig sein sollte – und das gilt besonders für die öffentliche Verschuldung – sind zugleich Szenarien aufzuzeigen und in Angriff zu nehmen, wie das Schuldenproblem wieder gelöste werden kann.
- Alle habe ihren Beitrag an die Gemeinschaft zu leisten, und zwar nach vernünftg festgelegten Kriterien. Die Einrichtungen, welche wir in der Schweiz schätzen, kosten (die Verkehrsinfrastruktur, das Bildungssystem, welches junge Menschen gut auf die Arbeits- und Erwachsenenwelt vorbereitet, die Sicherheit, der Schutz der Landschaft, die Diplomatie, um den Frieden zu wahren, etc.). Steuerprivilegien sind deshalb keine gute Idee.
- Die soziale Gerechtigkeit ist ein Wert, mit dem wir stets sorgfältig umgehen müssen. Privilegien von Reichen sind ebenso ungesund wie ständiger Neid. Steuergerechtigkeit und Eigenverantwortung sind hier zwei Werte, die zu fördern sind.
- Politiker, die vor allem ihrer Partei oder Partikularinteressen nutzen wollen und nicht dem Volk dienen, sind eigentlich gar keine Politiker. Es lohnt sich, sie auf den Wahllisten zu streichen. Ebenso unnötig sind Politiker, die nicht zu Konsens bereit sind (einige Ausnahmen, die als (“Original”) neue Aspekte in die politische Debatte bringen, mögen sinnvoll sein)
- Individuelle Freiheit und soziale Verantwortung müssen soweit entwickelt werden, dass sie sich nicht als Gegensätze beständig beissen, sondern dass sie sich sinnvoll ergänzen. Hier könnte das Modell eines Gesellschaftsvertrages nützlich sein, der aufzeigt, wo die Freiheit beginnt, wie sie sich entwickeln soll und wo sie ihre Einbettung hat. Auch der Platz der sozialen Verantwortung müsste darin deutlich aufgezeigt werden.
- Integration: Nicht nur Menschen aus dem Ausland, sondern auch viele Schweizerinnen und Schweizer sind schlecht in die Gesellschaft integriert. Eine gute Integration beginnt dort, wo Menschen beginnen, den Wert der Gemeinschaft zu erkennen und zu schätzen.
- Biblische Werte: Als Evangelische dürfen wir mutig dafür plädieren, dass in vielen Fragen gerade biblische Werte weiterhelfen: Grundwert und Grundfreiheit des Menschen, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeitsempfinden, Bewusstsein von Zeit und Ewigkeit, erste Liebe zu Gott, dem Schöpfer und Erlöser.

Aug 04 2011

Evangelische und Politik: Beteiligung oder Vermischung?

Vermischung von Politik und Religion – in Ägypten und in der Schweiz

Die Vermischung von Politik und Religon ist wieder in den Fokus der Diskussionen gerückt. So ganz besonders auch im Zusammenhang mit der Demokratiebewegung in islamischen Ländern. Beispiel Ägypten: Die Muslim-Bruderschaft, die Opfer Mubaraks, wollen sich nach Korrespondenten-Berichten gerne ins Zentrum der Macht stellen. Ihr Konzept – ein islamischer, religiös geprägter Staat. Solche Tendenzen werden vom Westen mit grossem Misstrauen beäugt. Demokratie und Säkularismus (Loslösung vom Religiösen) werden von uns wie Bruder und Schwester gewertet. Ohne das eine, ist das andere unmöglich.
Dieses Konzept kann uns als gläubige Christen auch in Verlegenheit bringen. Was wollen wir den von der Schweiz. Wieviel Säkularismus muss – und wieviel Religion darf in unserem Staat sein. Damit die Demokratie funktioniert, die wir ja so hochhalten.
Kürzlich war bei uns (SEA) eine Journalistin für ein Interview zu Besuch. Die Frage war zu erwarten: “Gewinnen die Frommen in der Politik an Boden?” – Gefahr durch die Gläubigen?

Ich glaube nicht, dass dies bei uns geschieht. Die Frage ist aber doch irgendwie berechtigt. Ich meine, gläubige Christen sollten darum besonders darauf achten, wie sie auftreten. Konkret bedeutet dies:

- sich nicht zu rasch mit den “Kulturchristen” identifizieren, welche das Christentum nicht aus religiöser Überzeugung, sondern als Kulturerscheinung propagieren. Wir haben eine eigene, unterschiedliche Identität.
- Differenziert urteilen, wenn es um “den Erhalt des Christentums” in der Schweiz geht (z.B. in Schulfragen, …) Hier steht immer auch der Aspekt der Religionsfreiheit an wichtiger Stelle und muss unbedingt berücksichtigt werden.
- Nationalistische Töne vermeiden. Wir dürfen die Schweiz lieben, aber diese Liebe ist nie auf gleicher Stufe wie die Liebe zu Gott. Und Gott ist universal – nicht national. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass er uns in der friedlichen Schweiz mehr liebt als einen im Elend lebenden Somalier.
- Politische Verbindungen suchen. Auch als Christen haben wir verschiedene Ansichten. Ein EDU-Politiker wird oft anders argumentieren als ein EVP-Politiker oder eine CVP-Politikerin. Die Argumente sind vielleicht (und hoffentlich) auch durch das eigene religiöse Erleben und Leben geprägt, aber es sind nie die einzigen und absolut richtigen Argumente. Zu guten Argumenten können sie erst durch den politischen und gesellschaftlichen Diskurs führen.
- Es gibt schon eine christlich geprägte Politik, aber nicht ein in allem “christliches Land”. Zu christlichen Argumenten in der Politik gehören z.B. Fragen der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit (Sozialpolitik, Entwicklungspolitik), der Freiheit zum Leben als ganzheitliche Persönlichkeit (z.B. Datenschutz, Gender-Fragen, auch die damit verbundenen ethischen Fragen wie Suizidbegleitung, …), der Achtung vor der Schöpfung (Energie-, Klimapolitik), der Erhaltung des Friedens (Erziehungsfragen, internationale Politik, Neutralitätsfragen). Insgesamt sind solche Fragen jeweils sehr komplex. Christen, die ein ganzheitliches Leben anstreben, haben die Voraussetzung, um in solche Fragen hineinzuwachsen und differenzierte Lösungsvorschläge entstehen zu lassen.
- Im offenen Gespräch bleiben: Dialogfähige Menschen sind glaubwürdiger und in der Politik hilfreicher als “Dogmatiker”, die schnell in den Verdacht des “Fundamentalismus” kommen. Und auf “religiösen Fundamentalismus” ist die Gesellschaft besonders allergisch.
- Die Botschaft nicht vergessen: Neben allen vielen Botschaften für die Gesellschaft haben gläubige Christen die “gute Botschaft”, das Evangelium von Jesus Christus, besonders auf dem Herzen – und hoffentlich auch in ihrem Munde, in ihren Armen und Füssen, … Es braucht immer wieder kreative Ideen und mutige Neuansätze, damit das Evangelium in einer sehr unruhigen Gesellschaft auf guten Boden fällt.

Mai 30 2011

Kommunikation und Gefühle

Schriftliche Kommunikation erweckt Gefühle

Dass bei einem Gespräch zwischen zwei Personen immer auch Gefühle dabei sind, ist offensichtlich. Auch der Gedichtliebhaber sucht beim Lesen von Goethe oder Rainer Maria Rilke in die Gefühlswelt hineinzukommen. Dass aber auch in schriftlichen Sachtexten Gefühle gefragt sind, ist weniger bekannt. Nun haben aber Kommunikationsforscher herausgefunden, dass auch geschäftliche Texte beim Leser Gefühle auslösen, die nicht zu unterschätzen sind.
“Schriftliche Kommunikation übermittelt keineswegs bloss Inhalte, sondern weckt beim Leser fast immer auch Gefühle. Und die zählen”, habe ich letzthin im alpha-Stellenanzeiger gelesen.
Für die Verfasser solcher Texte ist dies wichtig zu wissen. Sie haben sich beim Texten nicht nur auf das Übermitteln von Fakten zu konzentrieren, sondern sollen daran denken, dass Fakten nur im Zusammenhang mit Gefühlen auch faktisch richtig und erfolgreich beim Leser ankommen können. Auch Redaktoren solcher Texte sollten darauf achten und bei ihren Eingriffen in Texte hier ansetzen.

Mai 16 2011

Schweizer wollen frei sterben dürfen

Einschränkung der Suizidhilfe chancenlos

Nachdem sich Christen lange gegen die Ausweitung der Sterbehilfe gewehrt haben, plädiere ich nun für einen Perspektivenwechsel. Gesellschaftspolitisch sind Gegner der Sterbehilfe im Moment offenbar chancenlos. Ihre Chance liegt paradoxerweise gerade in einem Perspektivenwechsel, von der Lebenserhaltungs-Perspektive hin zur Ewigkeitsperspektive, die dem Tod endgültig den Stachel nimmt. “Wir reden hier von der Weisheit Gottes, der verborgenen, so wie man von einem Geheimnis redet”, würde der Apostel Paulus auch heute zu uns sagen, wenn wir uns einem so schwierigen Thema zuwenden.

Man mag es bedauern. Trotzdem kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die Einschränkung der Sterbehilfe in der Schweiz derzeit ein Thema ohne Chancen ist. Schweizerinnen und Schweizer wollen sich die Freiheit wahren, am Ende des Lebens über die Vorgänge entscheiden zu können und die Zeit und Art ihres Ablebens zu bestimmen. Dafür zahlen einige schon früh Mitgliedschaft bei einer Sterbehilfeorganisation, andere wenden sich ihr zu in dem Moment, in dem ihnen Lebenssinn und Lebenshoffnung entschwindet. Und die Organisationen arbeiten mit grosser Professionalität.

Die bekannten Argumente der Sterbehilfe-Gegner: betroffenes Umfeld, labile (veränderbare) psychische Zustände, Druck der Verwandten auf “teure” Schwerkranke, Verdacht, dass sich gewisse Organisationen an Sterbehilfe-Dienstleistung ziemlich bereichern, etc haben kaum ein Gewicht gegenüber dem Argument der freien Selbstbestimmung.

Vielleicht ist es jetzt wirklich die Zeit, auf politische Vorstösse zu verzichten. Die Volksmeinung lässt sich im Moment kaum verändern. Schliesslich ist ja das Argument, Menschen sollen in Freiheit und Würde sterben können, auch einsichtig.

Ich plädiere darum dafür, dass auch Gegner der Sterbehilfe – ich zähle mich auch dazu – die Sache vorerst beruhen lassen und andere Wege suchen, um Menschen am Ende des Lebens oder depressiven Menschen oder Suizidalen Personen eine bessere Hilfe anzubieten. Hier geht es sicher um medizinische, psychische und soziale Betreuung. Es geht aber auch um viel mehr. Es geht um einen Wechsel der Lebenszeit- auf eine Ewigkeitsperspektive. Die haben wir auch als gläubige Christen teilweise verloren. Innerweltliche Problemlösung ist immer ziemlich relativ. Und auch Sterbehilfe passt da gut dazu: Du hast gelebt, das wars und dann noch ein kleiner – wenn auch schwieriger – Schritt. So ist alles gelöst.

Die Ewigkeitsperspektive sieht anders aus. Hier ist das Leben hier auf dieser Welt nur ein kleiner Teil, aber ein wichtiger. Da gibt es Hoffnungslicht auch in den düsteren Wolken, Liebe auch dort, wo sonst Gleichgültigkeit herrschen, ein Überwinden, wo alles unmöglich scheint. Ich will hier nicht predigen. Noch weniger will ich sagen, dass nun für bekennende Christen plötzlich alles ganz leicht sei. Es geht mir nur darum, die Frage zu stellen: Wie erhält unser Leben die Ewigkeitsperspektive? Eine Perspektive, die uns ja mit dem Tod und der Auferstehung von Jesus Christus schon längst gegeben wäre.

Als Menschen sind wir durch die Realität des Todes verunsichert. Als auf Jesus vertrauende Menschen dürfen wir aber hinter dieser Verunsicherung schon ein Stück der Ewigkeit sehen, die Gott vorbereitet hat. Kein Mensch hat sich diese Ewigkeit verdient. Aber es gibt auch keinen Menschen, der es nicht verdient hätte, dass wir ihm von dieser Ewigkeit und vom Werk des Erlösers Jesus Christus weitersagen.
Link zur Stellungnahme der SEA: Suizidbeihilfe

Mai 12 2011

Tragödie im Kongo

Täglich über 1000 Frauen vergewaltigt

Das macht mich sehr betroffen. Seit Jahren werden im Kongo täglich Tausende von Frauen vergewaltigt und wir schweigen dazu. Eine neue Studie spricht von 1100 Frauen pro Tag.
Das übertrifft bei weitem alle Tsunami-Opfer. 1100 Frauen, denen die Würde genommen wird. Und kaum jemand sieht hin.
Es wäre meiner Meinung nach höchste Zeit, dass man von diesen terrorisierten Frauen redet. Aber nicht nur von ihnen, sondern auch von den Männern, die so etwas tun. Diese pflegen nämlich einen bestialischen Lebensstil. Es braucht einen enormen Einsatz der Weltgemeinschaft, auch der Schweiz, dass hier wirkungsvolle Massnahmen getroffen werden. Die Umerziehung eines durch Krieg und Terror zerstörten Volkes ist eine enorme Aufgabe, die wir nicht einfach verschieben dürfen. Ich kenne die guten Rezepte zur Bekämpfung dieses Schreckens nicht, möchte aber auf einige sensible Punkte aufmerksam machen:
- Der Ostkongo ist reich an Bodenschätzen (Gold, Kupfer, Silber, Coltan). Die Gier der Welt auf diese Schätze sind ein Teil des Krieges in der Kivu-Region.
- Nach dem Völkermord in Ruanda, dem die Welt lange relativ tatenlos zugeschaut hat, wurde der Konflikt nie gelöst, sondern einfach verlagert, vor allem in den Ostkongo. Die UN-Truppen, die dort für Ruhe sorgen sollten, sind viel zu schwach, um wirklich etwas zu erreichen.
- Die westliche Welt hört kaum Informationen über die Zustände im Kongo. Der Fokus liegt auf ganz anderen Ländern: die arabische Welt, Japan, … Das Riesendrama in Kongo ist seit Jahren vergessen.
- Afrika hat für viele Menschen im Westen den Reiz verloren. Die Reisedestinationen Kenya und Elfenbeinküste sind durch interne Wirren gefährlicher geworden. Auch Nigeria und selbst Südafrika sind weniger attraktiv. Die Medien bei uns berichten kaum noch von der Vielfältigkeit und die Reize des Kontinents. Auch nicht mehr aus den bei uns wenig bekannten Gegenden im Innern Afrikas, wo sich einst David Livingstone herumtrieb und nach den Quellen des Nils suchte.
- Teure Kriege (in Afghanistan, Libyen, etc) verschlingen enorm viel Geld. Ein Einschreiten in Afrika scheint wohl vielen einfach zu teuer.
- Inzwischen stehen verschiedene mächtige Länder im Wettbewerb um den afrikanischen Reichtum: die USA, die EU, Russland, China und Indien belauern und beargwöhnen sich gegenseitig, jeder bereit, sich bietende Gelegenheiten sofort zu nutzen.
- Anstatt ihre positive Rolle im Aufbau der Gesellschaft zu finden, wird die afrikanische Kirche geschwächt: Stammeskonflikte, koloniale Debatten, Rückzug von Missionaren, fehlende Ausbildung, usw. sind Gründe, weshalb die Kirche oft nicht den gesellschaftlichen Platz findet, den sie eigentlich einnehmen könnte (und wohl auch möchte).
- Auch in der Schweiz kümmern sich viele Frauen noch zuwenig um ihre Geschlechtsgenossinnen in Ländern wie im Kongo. (Sie werden bei diesem Engagement auch von den Männern kaum unterstützt). Ich wünsche mir weitsichtige Geschäftsfrauen, Politikerinnen, Lehrerinnen etc, welche sich mutig für Frauen in Afrika stark machen. Und ich wünsche mir Männer, die dieses Anliegen mutig und überzeugend unterstützen.

Mai 09 2011

Frühling in Afrika

Wann kommt der Aufstand in Afrika?

Fasziniert blicken wir auf die Aufstände der meist friedlich demonstrierenden Menschen in der arabischen Welt. Obwohl wir das Ende noch nicht absehen können, sehen wir die Hoffnung aufkeimen. Hoffnung auf neue Freiheit, Hoffnung auf Gerechtigkeit, Hoffnung auf den Rücktritt korrupter und machtbesessener Potentaten, Hoffnung auf einen bescheidenen sozialen Wohlstand und einen wirtschaftlichen Fortschritt.

Auch Afrika südlich der Sahara hofft auf solche Veränderungen, aber vorläufig ohne Demonstrationen, ohne Aufstände. Warum eigentlich? Warum ist unser Bild von Afrika noch immer das Morden in Ruanda und der Bürgerkrieg im Sudan und in Kongo. Warum ist es nicht das Bild tausender (junger) Menschen, die auf die Strasse gehen und friedlich eine bessere Zukunft propagieren.

Unsere Freunde in Afrika hätten viel zu klagen: Herrscher, die über Jahre sich selbst und ihren Clans am meisten nützen, Korruption in den öffentlichen Diensten, Infrastrukturprojekte, die versanden, Misstrauen an allen Ecken und Enden, junge Intellektuelle, die ihren Ländern aus Enttäuschung den Rücken kehren, …

Ich zweifle nicht daran, auch Afrikanerinnen und Afrikaner südlich der Sahara könnten für eine bessere Gesellschaft demonstrieren. Und ich warte darauf, dass sie es tun. Gegenüber der arabischen Welt hätten sie sogar Vorteile: Machthaber, die nicht so sicher im Sattel sitzen, wie in arabischen Ländern. Eine über Jahre gewachsene Zivilgesellschaft (zu der auch die Kirchen gehören), da und dort finanzielle Unterstützung durch Entwicklungshilfeorganisationen …

Auch wenn sie es (noch) nicht tun. Unsere Verantwortung bleibt. Afrika muss grosszügige, aber auch kluge Hilfe erhalten. Solange hier der Human Development Index (HDI), welcher über die Entwicklung einer Gesellschaft Auskunft gibt, für afrikanische Länder die schlechtesten Ergebnisse zeigt, darf unsere Verantwortung nicht aufhören.

Es gibt aus unserem christlichen ethischen Verständnis viele Gründe, weshalb uns Afrika nicht gleichgültig sein darf. Der wichtigste dieser Gründe – leider auch ein nicht oft genannter – scheint mit dieser: Viele Menschen in Afrika sind überzeugte Christen, beten den Herrn und Schöpfer der Welt an. Es sind unsere Brüder und Schwestern. Jede Hilfe ist darum oft auch eines: gelebte Bruderliebe. Natürlich dürfen wir mit diesem Argument unsere Unterstützung nicht auf gläubige Christen beschränken, niemals! Aber es soll uns doch motivieren, unseren Einsatz für Afrika mit Kraft und Freude zu tun.

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